26Jan20:00Das fast normale Leben

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Das fast normale Leben (2025) | Film, Trailer, Kritik

MÄDCHEN MIT WUT IM BAUCH

Lena schreit, will nicht aufs Zimmer: „Ich hasse es hier!“ Leni hingegen, die gerade angekommen ist und ihre Sachen einräumt, sagt, sie fühle sich schon jetzt wohl. Aus der vorigen Wohngruppe lief sie weg. Aber als sie mit der Mutter telefoniert, sagt sie kleinlaut: „Ich wollte zu euch.“ Auch Lisann und Eleyna sind nicht freiwillig hier, auch sie möchten wie Lena und Leni von der Mutter oder vom Vater abgeholt werden in ein behütendes Elternhaus. Doch das gibt es, zumindest im Moment, nur in ihren Träumen.

Zwei Jahre lang hat der Filmemacher Stefan Sick (Das innere Leuchten) vier Mädchen in einer Einrichtung der Evangelischen Jugendhilfe in Baden-Württemberg mit der Kamera begleitet. Sie wohnen in einer kleinen stationären, sozialpädagogisch betreuten Gruppe. Wie ist der Alltag in einer solchen Einrichtung, wie entwickeln sich die Mädchen, die hier nicht wirklich sein wollen? Seit dem Spielfilm Systemsprenger weiß das Kinopublikum, dass manche Kinder von Einrichtung zu Einrichtung weitergereicht werden, weil sie sich nicht integrieren lassen, weil sie weglaufen, immer wieder in blinde Wut ausbrechen.

Auch Lena rastet schnell aus, ihre „Impulsdurchbrüche“ werden in den regelmäßigen Gesprächen der Betreuerinnen mit dem Vater und ihr selbst thematisiert. Im Laufe der filmischen Beobachtung aber verändert sich Lena zu einer aufgeschlossenen, hilfsbereiten Person. Dass sich die Produktionsfirma Ama Film auf einen der selten werdenden Dokumentarfilme mit unsicherem Verlauf und längerer Entstehungsdauer einließ, hat ihr auf dem DOK.fest München 2025 den VFF-Produktionspreis eingebracht.

Über die Mädchen erfährt man nur das, was sich in den beobachteten Situationen ergibt. Auf Kommentare verzichtet Sick. So wird nur beiläufig erwähnt, dass manche Mädchen Medikamente einnehmen müssen, der schulische Alltag bleibt ganz außen vor. Vieles, wovon die Rede ist, lässt sich kaum nachvollziehen, weil es nicht gezeigt wurde, zum Beispiel bekommt man nur häppchenweise Einblicke in die Tagesstruktur der Mädchen und den Kreis ihrer Betreuerinnen. Es fällt offenbar allen Mädchen schwer, sich von Fremden etwas sagen zu lassen, die nur langsam zu Bezugspersonen werden. Gerade daher mutet es manchmal viel verlangt an, wenn die Betreuerinnen Selbstreflexion von ihnen fordern, Einsicht in unangemessenes Verhalten.

Es gibt viele Konflikte auszutragen in der Wohngruppe, aber es ergeben sich auch viele Momente der Geborgenheit und Nähe. Dennoch bleibt fraglich, inwiefern die Mädchen akzeptieren, dass Menschen vom Amt und anderen Funktionen in regelmäßigen Gesprächsrunden ihr Verhalten beurteilen und über ihre Zukunft entscheiden. Lisann, die damit hadert, dass ihr ein Gutachten eine Lernstörung attestiert hat, bekommt in einer solchen Runde von einem Mann – man weiß nicht, ob sie ihn überhaupt kennt — zu hören, dass es um „35a“ gehe. Hier wird mehr über die Jugendliche gesprochen als mit ihr, und man fragt sich, wie viel sie über ihren weiteren Weg, der hier verhandelt wird, mitbestimmen kann.

Wenn die Mädchen draußen herumtollen, schaukeln, Fußball spielen, entstehen Momente fröhlicher Ausgelassenheit. Sie scheinen dann ganz bei sich zu sein, frei und stark. Sick zeigt diese Situationen in Zeitlupe, unterlegt sie mit energiegeladener Musik. Dass die Mädchen trotz vieler Rückschläge in der Wohngruppe einüben, ihren Frieden mit sich zu machen, ihren Willen zu formen, zeigt sich auf eher unspektakuläre Weise. Das kann schon der Fall sein, wenn Lena oder Eleyna die Kamera in einer schwierigen Situation aus dem Raum verbannen. Vielleicht hätte der Film prägnanter, vor allem auch strukturierter sein können, und auch die beachtliche Länge von 135 Minuten erscheint nicht zwingend. Die Einblicke in das alltägliche Auf und Ab in der Wohngruppe, den mühsamen Weg der Stabilisierung in Not geratener junger Menschen sind dennoch informativ und berührend.

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