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Leider kann der Mensch nicht aus jeder Schlacht als Sieger hervorgehen. Vor acht Jahren gelang es der achtzigjährigen Marie (Hélène Vincent), den Krebs zu besiegen, doch nun ist die Krankheit zurückgekehrt – diesmal ohne Raum für Hoffnung auf Genesung. Jeder Tag der Frau ist nun ein Kampf, der mit jedem neuen Morgen schwerer und schwerer zu werden verspricht. Marie will ein solches Lebensszenario nicht akzeptieren. Sie beschließt, ihr Leben würdevoll und zu ihren eigenen Bedingungen zu beenden – mittels Sterbehilfe, für die sie in die Schweiz reisen muss. Doch schwieriger als die Fahrt ins Nachbarland erweist sich die Notwendigkeit, all dies ihren Angehörigen zu erzählen: ihrem erwachsenen, in Schulden steckenden Sohn Bruno (David Ayala) und ihrer jugendlichen Enkelin Anna (Juliette Gasquet). Aber Marie wird noch Zeit haben, die richtigen Worte zu finden, denn die kleine Reisegruppe mit dem vor den Teilnehmern verborgenen Ziel macht sich in einem alten Wohnmobil auf den Weg – mit Rudy (Pierre Lottin) am Steuer, Maries Betreuer und Hüter ihres Geheimnisses. Eine Reise, die für Marie die letzte werden soll und die man deshalb nur umso mehr in die Länge ziehen möchte.
Für die Regisseurin und Drehbuchautorin Enya Baroux ist Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter der erste Langspielfilm. Erstmals wurde das Werk im Rahmen des offiziellen Wettbewerbs des französischen Festivals von Alpe d’Huez gezeigt, bei dem die Schauspielerinnen Hélène Vincent und Juliette Gasquet den Preis für die beste weibliche Hauptrolle erhielten. Laut Baroux ist die im Film erzählte Geschichte vom Leben ihrer eigenen Großmutter inspiriert.
Sterbehilfe ist ein delikates und teils tabuisiertes Thema, das nicht nur ein Gespräch über den Tod selbst eröffnet, sondern auch über das Recht des Menschen, Zeit und Umstände seines Abschieds selbst zu bestimmen – sowie über jene, die die Wahl ihres Angehörigen akzeptieren müssen. Auf der Kinoleinwand wird ein solches Gespräch nicht allzu oft geführt, doch wenn, dann oft mit durchdringender Eleganz. Eine interessante Parallele: Vor einigen Jahren veröffentlichte Regisseur François Ozon zu diesem Thema den Film Alles ist gut gegangen, 2024 folgte Wenn der Herbst naht, in dem Hélène Vincent und Pierre Lottin mitspielen – die sich nun am Set von Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter wiedertrafen.
Und doch unterscheidet sich Baroux’ Film trotz der thematischen Nähe grundlegend von der Arbeit ihres Kollegen. Marie ist noch nicht ans Bett gefesselt, auf den ersten Blick wirkt sie gesund und vital, doch die Krankheit erfüllt ihre Tage bereits mit Schmerz. Ihr Tod ist lediglich eine Frage der Zeit und der Umstände, die ihm vorausgehen. Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter versucht weder, die Entscheidung der Protagonistin moralisch zu bewerten, noch konzentriert er sich übermäßig auf die Gefühle ihrer Familie. Es ist die Geschichte einer Frau, die einen kürzeren, aber scheinbar glücklicheren Weg zu ihrem eigenen Tod wählt – und ihr Recht auf einen würdevollen Abschied verteidigt.
Auf angenehmer Leichtigkeit und der Notwendigkeit, die Dinge schlicht anzunehmen, basiert auch die gesamte Erzählweise des Films. Die Form des Roadmovies ermöglicht es Baroux nicht nur, ihre Heldin ein letztes Mal aus den vier Wänden hinauszuführen, sondern auch, dem übermäßigen Tragismus zu entgehen, der dem behandelten Thema so oft eigen ist. Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter ist eine Dramedy, die die offensichtlich traurige Geschichte mit Elementen feinen und unaufdringlichen Humors auflockert – ganz wie im echten Leben, in dem alltägliche Sorgen und weltliche Mühen sich mit komischen Missgeschicken und menschlicher Findigkeit abwechseln. Die Figuren des Films sind überzeichnete Abbilder von Menschen aus dem Umfeld der Regisseurin und doch von nachvollziehbarer Glaubwürdigkeit. Sie können lieben, sich kümmern, wütend werden, zweifeln und trauern – und laden ihr Publikum dazu ein, den Verlust zusammen mit ihnen zu durchleben: jenen Aspekt des menschlichen Lebens, dem früher oder später jeder begegnet. Denn letzten Endes – wenn es um den Tod geht – ist es nicht genau das, was am wichtigsten bleibt? Sich selbst und seinem Publikum in Erinnerung zu rufen, dass das Leben ein endloser Kreislauf ist und einem Ende stets ein neuer Anfang folgt.
Zeit
20:00 8:00pm(GMT+01:00)