Infos
MUTTERMILCH AUF TINTENKLECKSEN Knarzende Dielen, verblasste Blumentapeten
Infos

Knarzende Dielen, verblasste Blumentapeten und eine etwas düstere Vorgeschichte trägt das renovierungsbedürftige Familienhaus im ländlichen Montana in sich, das Jackson (Robert Pattinson) und seine Freundin Grace (Jennifer Lawrence) zu Beginn von „Die, My Love“ besichtigen, doch es kommt es genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn Grace ist schwanger und die beiden müssen ihre vagen Zukunftspläne – er träumt vom Musizieren und sie von der Schriftstellerei – in eine etwas konkretere Form pressen. Da das Geld knapp ist, entscheiden sie sich für dieses Haus, das Jacksons verstorbenem Onkel gehörte. Im schnellen Bilderrausch führt uns „Die, My Love“ dann durch die ersten Monate, in denen sich das Paar ungestüm auf dem Dielenboden liebt, Grace hochschwanger durch die Küche tanzt und ihr gemeinsamer Plan von einer wilden Sesshaftigkeit samt lauter gitarrenlastiger Beschallung aufzugehen scheint.
Das erwartbare Erwachen aus dieser Traumvorstellung kommt nicht schlagartig, sondern deutet sich langsam an, nachdem der Sohn geboren ist: Grace, die wir im Verlauf dieses Films irritierenderweise immer wieder auf allen Vieren durch die hochgrasige Landschaft schleichen sehen, sehnt sich nach erneuter körperlicher Nähe zu Jackson, die er immer wieder abwehrt. Um Geld für die Familie zu verdienen, ist er nun häufig tagelang als Truck-Fahrer unterwegs und Grace mit dem Baby auf sich allein gestellt. Ihr Umgang mit dem Kind bleibt liebevoll, doch zugleich fügen sich in ihr Einsamkeit, Freudlosigkeit und Verzweiflung zu einer explosiven Mischung zusammen, die sich in immer erratischer werdendem Verhalten entlädt.
Das gefährliche Brodeln hinter der mal feixenden, Grimassen ziehenden und dann wieder gänzlich ausdruckslosen Miene spielt Jennifer Lawrence hier mit viel Hingabe. Die ist auch notwendig, denn mit erhellenden Ausführungen außerhalb bildlicher Andeutungen hält sich Die My Love nicht auf. So lässt sich inmitten der eskalierenden Streitigkeiten zwischen dem Paar nur sehr flüchtig erschließen, dass Graces scheinbar krankhafte Eifersucht wohl begründet ist. Rückblenden in die Zeit, als sie hochschwanger war und sich da schon in ihrer aufkommendem Einsamkeit Jacksons dementem Vater Harry (Nick Nolte) nahe fühlte, geben dieser immer tiefer in Graces Wahrnehmung abtauchenden Erzählung zumindest etwas mehr Kohärenz. Eine andere Szene zeigt, wie Grace, die von Jackson immer wieder an ihr schriftstellerisches Vorhaben erinnert wird, zu einem Füller greift, Tintenkleckse auf ein Papier tropft und schließlich Muttermilch aus ihrer Brust darüber träufelt – ein symbolischer Abgesang auf ihre hehren Ziele.
Die Vorlage für diese Erzählung um eine Mutter, deren postnatale Depression ins Psychotische abgleitet, lieferte die argentinische Schriftstellerin Ariana Harwicz mit ihrem Roman Stirb doch, Liebling von 2012. Gemeinsam mit den Drehbuchautoren Enda Walsh und Alice Birch hat die schottische Regisseurin Lynne Ramsay die Handlung von der französischen Provinz in die heruntergekommene Einöde von Montana verlegt und sich vor allem darauf konzentriert, Graces durch eine zunehmend fragmentierte Psyche perspektiviertes Erleben spürbar zu machen. Dies gelingt ihr allemal: Die My Love enerviert, fesselt und schockiert gleichermaßen. Jeglicher Versuch einer rationalen Annäherung an Graces Seelenzustand wird hinweggefegt von ihren bizarren Verhaltensweisen gegenüber einer wohlwollenden, aber überforderten Umgebung, und von ihren wiederholten Gewaltausbrüchen gegen sich selbst.
Nachdem sie sich in We Need to Talk About Kevin schon auf fulminante Weise den abgründigen Aspekten einer unglücklichen Mutterschaft gewidmet und zuletzt in A Beautiful Day die suizidale Düsternis ihres Protagonisten erkundet hat, schlägt Lynne Ramsay nun mit Die My Love einen noch experimentelleren Weg der sinnlichen Erfahrbarkeit ein. Auch einem mit Grace durchweg sympathisierenden Publikum verlangt dieser Film viel Geduld ab und droht zudem in seinen besonders aufs Stimmungsvolle fixierten Szenen, seine Aussagekraft zu verlieren. Aber es ist ein Drahtseilakt, den Ramsay schließlich meistert: Nach der ersten überfordernden Sichtung entfaltet dieses Psychodrama eine spürbare Nachwirkung und die zuvor verstreut wirkenden Fragmente der Erzählung fügen sich unverkennbar sinnhaft zusammen.
Gesehen auf dem Filmfestival von Cannes 2025.
Zeit
20:00 8:00pm(GMT+01:00)