26Jan17:00Silent Friend

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Silent Friend (2025) - IMDb

EIN RÜCKZUGSRAUM

Ein Ginkgo-Baum in Marburg, gepflanzt im Botanischen Garten der Universität, kaum älter als sechs Jahrzehnte. In Ildikó Enyedis neuem Film „Silent Friend“ wird er zu einem uralten Wesen, zu einem Zeugen von Jahrhunderten, zu einem Freund. Das mag pathetisch klingen, doch was Enyedi hier gelingt, ist weniger eine symbolhafte Überhöhung als vielmehr eine stille Einladung, unsere eigene Perspektive zu verschieben.

Der Film entfaltet sich in drei Episoden, die lose miteinander verbunden sind und dennoch eine erstaunliche innere Kohärenz besitzen. 1908 entdeckt die erste Studentin der Marburger Universität, gespielt von Luna Wedler, durch die Linse ihrer Kamera eine Ordnung im Kleinen, im Blatt, im Pflanzengewebe. In einer Zeit, in der Frauen im Hörsaal noch eine Sensation sind, wird ihr Blick auf die Pflanzenwelt zugleich zu einem Akt der Emanzipation. 1972 folgt die Geschichte eines jungen Studenten, der über eine einfache Geranie zu einer fast existenziellen Erfahrung findet. Es ist eine Episode voller Sanftheit, getragen vom Gefühl der 70er-Jahre: Aufbruch, Experiment, ein vorsichtiger Widerstand gegen Konventionen.

2020 schließlich, mitten in der Corona-Pandemie, begegnen wir einem Neurowissenschaftler aus Hongkong (Tony Leung). Er erforscht die Hirnaktivitäten von Babys und richtet plötzlich seine wissenschaftliche Neugier auf den Baum. Im selben Zeitraum tritt auch Dr. Alice Sauvage (Léa Seydoux) auf, eine weltbekannte Botanikerin, die gemeinsam mit dem brillanten Neurobiologen versucht, die geheimnisvollen Verbindungen zwischen Mensch und Pflanze zu erforschen, insbesondere zu jenem Ginkgo, der das Zentrum der Geschichte bildet.

Was als rationales Experiment beginnt, öffnet sich zu etwas Rätselhafterem: eine leise, intime Begegnung mit einem Lebewesen, das nicht spricht, nicht antwortet, aber da ist. Enyedi erzählt diese Geschichten mit größter Ruhe, mit einem Gespür für das Unspektakuläre, das sich allmählich in etwas Großes verwandelt. Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen.

Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, „wie es ist, ein Baum zu sein“, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde.

Die Starbesetzung mit Tony Leung und Léa Seydoux sorgt für internationale Aufmerksamkeit. Leung, der sonst oft in stillen, melancholischen Rollen brilliert, bringt hier eine fast ungewohnte Verletzlichkeit ein: ein Forscher, der den eigenen Halt verliert, während er versucht, den Baum zu „verstehen“. Seydoux spielt zurückgenommen, beinahe spröde, auch das ein kluger Kontrapunkt zu ihrer sonstigen Leinwandpräsenz. Und doch: Die eigentliche Hauptrolle gehört dem Ginkgo. Die Schauspieler, so bekannt sie sein mögen, treten zurück, lassen den Raum offen für die eigentliche Begegnung zwischen Mensch und Natur. Auch die deutschen Darsteller können durch die Bank weg mit dem internationalen Staraufgebot mithalten.

Mit zweieinhalb Stunden Laufzeit ist Silent Friend kein leichtes Kino. Manche Episoden enden abrupt, zwei der drei Geschichten bleiben ohne klare Auflösung. Aber auch das entspricht der Haltung: Das Leben kennt selten perfekte Schlüsse. Am Ende bleibt das Gefühl, ein Stück Weg mit diesen Figuren gegangen zu sein. Für manche mag das ermüdend sein, für andere ist es vielleicht eines der poetischsten Werke des Jahres: Eine Einladung zum Innehalten in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.

Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. Silent Friend ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.

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