19Jan17:00Im Schatten des Orangenbaums (OmU)
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ERZÄHLEN, WAS GESCHAH In ihrem tragikomischen
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In ihrem tragikomischen Langfilmdebüt „Willkommen in Amerika“ (2009) erzählte die 1976 geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Cherien Dabisvon einer alleinerziehenden palästinensischen Mutter, die voller Hoffnung mit ihrem adoleszenten Sohn nach Illinois immigriert. Die wunderbar feinfühlige Indie-Perle fand damals in den USA deutlich mehr Beachtung als in Deutschland, wo sie lediglich auf einigen wenigen Festivals präsentiert wurde.
Nach einem weiteren Film (May in the Summer aus dem Jahr 2013), in dem sie selbst die Hauptrolle übernahm, und zahlreichen TV-Arbeiten liefert Dabis nun mit Im Schatten des Orangenbaums ein auf historischen Ereignissen und persönlichen Erfahrungen basierendes Familiendrama, das drei Generationen umspannt. Das Werk beginnt im besetzten Westjordanland im Jahr 1988. Bei einer Demonstration gegen die israelische Besatzung zieht sich der jugendliche Noor (Muhammad Abed Elrahman) schwere Verletzungen zu. Seine Mutter Hanan (verkörpert von Dabis selbst) schildert daraufhin die Geschichte ihrer Familie.
Sie werde erzählen, wer ihr Sohn sei, sagt Hanan. Es wirkt, als richte die Figur ihren Blick dabei direkt in die Kamera. Wir werden quasi persönlich adressiert, wodurch der Film klarmacht, dass dies keine Erzählung ist, die sich nebenbei, ohne große Aufmerksamkeit verfolgen lässt. Vielmehr ist es der Einstieg in ein Epos, das auf die Erlebnisse von Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) in Jaffa im Jahr 1948 zurückschaut und sich dann durch die Dekaden bis zum Anfangspunkt des Films bewegt und schließlich im Jahr 2022 landet.
Wir lernen Sharifs Frau Munira (Maria Zreik) und die vier gemeinsamen Kinder kennen – darunter Hanans zukünftiger Ehemann und Noors Vater Salim (in jung: Salah Al Din; später: Saleh Bakri). In einer zunächst harmonisch anmutenden Sequenz sitzt die Familie am Esstisch und redet über Poesie, als plötzlich durch einen Bombenangriff die schreckliche Realität des Krieges in den Alltag einschlägt. Sharif will Jaffa nicht verlassen; er möchte das Haus und den familiären Orangenhain nicht zurücklassen. Bald wird er jedoch verhaftet.
An anderer Stelle hält Dabis fest, wie der kleine Noor (Sanad Alkabareti) in den 1970er Jahren mitansehen muss, wie sein Vater auf dem Nachhauseweg von einem israelischen Soldaten gedemütigt wird – was entscheidend dazu beiträgt, dass er sich als Teenager radikalisiert. Der Film veranschaulicht, was generationsübergreifende Traumata anrichten können, wehrt sich aber gegen eine durchweg pessimistische Sicht und ist nicht daran interessiert, Hass zu schüren. „Menschlichkeit ist eine Form des Widerstands“, heißt es in einer Szene. Durch die komplex gezeichneten Figuren, die voller Angst sind und dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollen, wird Im Schatten des Orangenbaums zu einem mitreißenden Film.
Zeit
17:00 5:00pm(GMT+01:00)